Zwischen Hue und Da Nang
Die Reise zwischen den beiden unumgänglichen Perlen Zentralvietnams, der Kaiserstadt Hue und der modernen Küstenmetropole Da Nang, wird oft nur als eine zu überwindende Distanz von 90 Kilometern betrachtet. Doch in diesem oft übersehenen Korridor, mit der malerischen Bucht von Lang Co als Herzstück, verbirgt sich eine Welt voller unentdeckter Schätze, die es wert sind, in Ruhe erkundet zu werden. Es ist eine Region, die ihre eigenen, faszinierenden Geschichten erzählt – von kaiserlicher Poesie, unberührter Natur und dem Einfallsreichtum der lokalen Bevölkerung.
Der Wolkenpass (Hai Van Pass): Mehr als nur eine Straße

Kaum hat man Da Nang verlassen, schraubt sich die Straße in die Wolken. Der Hai Van Pass, dessen Name treffend "Ozean-Wolken-Pass" bedeutet, ist eine Legende unter den Küstenstraßen der Welt. Auf einer Höhe von fast 500 Metern bietet er atemberaubende, fast unwirkliche Ausblicke auf die Bucht von Da Nang und das tiefblaue Meer.
Doch der Pass ist mehr als nur ein Fotostopp. Er ist ein Geschichtsbuch aus Stein. Jahrhundertelang diente er als strategische Grenze zwischen Königreichen und war Schauplatz bedeutender Schlachten. Das rekonstruierte Hai Van Tor, ursprünglich von Kaiser Minh Mang erbaut, lädt dazu ein, über die Vergänglichkeit von Imperien nachzudenken.
Ein besonderes Erlebnis ist die Überquerung des Passes mit dem Zug. Die Fenster der Waggons geben den Blick frei auf eine unberührte Landschaft aus Klippen und Küste, ungestört von Autobahnen. Eine Fahrt mit dem neu eingerichteten "Heritage Car" auf der Wiedervereinigungsstrecke wird zu einer kulturellen Reise für sich, untermalt von traditioneller Musik und regionalen Spezialitäten.
Lang Co: Die Stadt, die die Austern erbauten

Vor hundert Jahren war Lang Co ein stiller, verträumter Ort, an dem Kaiser Khai Dinh seinen Sommerpalast errichtete, um der Poesie und der Ruhe der Bucht zu huldigen. Heute ist die kleine Stadt mit ihren 12.000 Einwohnern vor allem für eines berühmt: frische Austern zu unglaublich günstigen Preisen.
Die Geschichte dahinter ist ein Zeugnis lokaler Genialität. Vor etwa einem Jahrzehnt entdeckte ein Bewohner, dass Austern an einem weggeworfenen Reifen im Lagunenwasser wuchsen. Kurzerhand versenkte er eine große Anzahl alter Motorradreifen und schuf so die erste Austernfarm der Region. Auch wenn die umweltschädliche Praxis längst durch nachhaltigere Methoden ersetzt wurde, hat die Austernzucht der Stadt zu neuem Wohlstand verholfen. Ein Besuch am frühen Morgen im Fischerdorf Canh Duong bietet zudem faszinierende Einblicke in die harte, aber herzliche Lebensweise der Fischer.
Jenseits der Küste: Tempel, seltene Primaten und vergessene Villen

Wagt man sich weiter ins Landesinnere, eröffnet sich eine Welt der Spiritualität und unberührten Natur.
Das Kloster Truc Lam Bach Ma: Mitten in einem Stausee gelegen und nur per Boot erreichbar, ist dieses buddhistische Kloster eine Oase der absoluten Stille. Der sanfte Klang der Tempelglocken und der Duft von Weihrauch laden zur Einkehr und Reflexion ein. Der Zugang zum Kloster ist kostenlos.
Der Bach Ma Nationalpark: Dieser oft unterschätzte Nationalpark ist ein wahres Juwel. Seine dichten, von Lianen umrankten Wälder sind die Heimat seltener Tierarten. Mit etwas Glück kann man hier eine Familie der Rotschenkligen Kleideraffen beobachten – eine unvergessliche Begegnung mit einer vom Aussterben bedrohten Spezies. Abenteuerlustige Wanderer können in der Trockenzeit entlang von Bächen wandern, die schließlich den Parfüm-Fluss bilden, und dabei eine Reihe beeindruckender Wasserfälle entdecken. Festes Schuhwerk ist hier unerlässlich.
Die verlassenen französischen Villen: Auf dem Gipfel des Bach Ma Berges verbirgt sich ein Relikt der Kolonialzeit. In den 1930er Jahren errichteten die Franzosen hier eine Ferienkolonie mit 137 Villen, einem Krankenhaus und Tennisplätzen. Heute kann man die verfallenden, von der Natur zurückeroberten Ruinen erkunden – ein gespenstischer und faszinierender Anblick, der zum Nachdenken über die Geschichte des Landes anregt.
Der Ru Cha Mangrovenwald: Kurz vor Hue liegt dieser einzigartige Wald. Während ein Besuch in der Mittagshitze anstrengend sein kann, ist eine Erkundung in den kühleren Stunden des frühen Morgens oder späten Nachmittags ein Genuss. Stille Pfade führen durch die Mangroven zu einem kleinen Tempel und einem Aussichtsturm.
Tipps für Ihre Entdeckungsreise
1. Nehmen Sie sich Zeit: Der wahre Schatz dieser Region liegt in der Langsamkeit. Anstatt nur durchzufahren, planen Sie mindestens eine, besser zwei Übernachtungen in der Gegend um Lang Co ein. Nur so können Sie die Magie des Sonnenaufgangs im Fischerdorf, eine Wanderung im Nationalpark und die Ruhe des Klosters wirklich erleben.
2. Wählen Sie die richtige Basis: Um die Region stressfrei zu erkunden, ist die Wahl einer guten Unterkunft entscheidend. Suchen Sie nach Hotels oder Resorts in der Nähe von Lang Co. Diese bieten nicht nur komfortable Zimmer und gutes Essen, sondern können auch Transporte und geführte Touren in den Nationalpark oder zu den umliegenden Dörfern organisieren.
3. Reisen Sie mit dem Zug: Die Zugfahrt über den Hai Van Pass ist ein Erlebnis für sich. Die zweimal täglich verkehrenden Züge HD1/2 und HD3/4 mit dem speziellen "Heritage Car" sind die beste Wahl. Buchen Sie Ihre Tickets im Voraus, da diese Züge sehr beliebt sind.
4. Packen Sie clever: Für Wanderungen im Bach Ma Nationalpark sind gute, rutschfeste Schuhe ein Muss. Denken Sie auch an ausreichend Wasser und Insektenschutzmittel. Eine leichte Jacke ist für die kühleren Höhenlagen ebenfalls empfehlenswert.
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